Meine Geschichte über das Yuishinkan Symbol

von Ralf Budde

In Osaka, Japan, gründete 1953 Kisaki Tomoharu Sensei (1921 - 1996) das Yuishinkan-Dojo. Yuishinkan (jap. 唯心舘) bedeutet „Haus des Geistes“, wird aber oft frei übersetzt als „Halle des tapferen Herzens“.

Dort wurde und wird heute noch eine Ausprägung des Goju-Ryu Karate Do von Miyagi Chojun O’Sensei gelehrt. Kisaki Sensei war ein direkter Schüler von Yamaguchi Gogen Sensei und trainierte auch unter Miyagi O‘Sensei.

Den Namen wählte er, um das besonders intensive Kraft- und Abhärtungstraining in seinem Dojo herauszustellen und die dafür notwendige innere Einstellung. Man brauchte in sich ein tapferes Herz, einen ausdauernden Geist, um die Belastung zu estehen. Als ich 1983 mit dem Karate Training beim GKD in Dortmund anfing, damals noch unter der Leitung von Günter Idczak und an der Seite von heutigen Goju-Ryu Karate-Größen in Deutschland wie z.B. Axel Koschorreck und Wolfgang Jordan, war mir nicht klar, was es mit diesem Männchen da an der Wand auf sich hatte. Es wollte mir auch so richtig keiner erklären, aus welchen Gründen auch immer. Das oft als Yuishinkan-Männchen betitelte Symbol stand einfach für die Karatestilrichtung, die in dem Dojo gelehrt wurde.

„Männchen“, keine sehr schöne, poetische oder philosophische Bezeichnung für ein so prägendes Symbol. Aber der erste Eindruck lässt sich nicht verleugnen. Zeigt es doch in gewisser Weise die Umrisse eines Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen, einem Kopf und – ja, was soll das am unteren Ende in der Mitte sein? Ach ja, das KarateMännchen trägt natürlich einen Karate-Gi und die Jacke ist länger als der Körper. Und die schaut unten noch etwas hervor. Macht also alles Sinn und wenn man sich dann noch auf dem weiteren Karate-Weg die Kata Kururunfa anschaut, wird klar, das Yuishinkan-Symbol zeigt die sehr auffällige Stellung und Haltung in der Kata, wo man genau so im Shiko Dachi steht, wie das Männchen. Ich spare mir hier die Diskussion, ob es ein Männchen oder nicht auch ein Frauchen sein könnte. Jedem, wie es beliebt. Aber da es sowieso anders kommt, ist die Diskussion überflüssig.

Lange habe ich es einfach akzeptiert, dass es so richtig ist. Auf Lehrgängen hörte man zwar immer wieder von einigen erfahrenen Sensei, dass wohl noch etwas anderes dahinter steckte und auch Fritz Nöpel Sensei machte immer wieder Andeutungen und wehrte sich, dass es auf keinen Fall ein „Männchen“ wäre. Das Geheimnis blieb aber, zumindest mir als jungen Schüler, verschlossen. Mag sein, dass einige der älteren Karateka und Vertrauten von Nöpel Sensei, die wahre Bedeutung kannten. Sie hielten aber dicht. Bis zu einem bezeichnenden Tag auf einem Wochenend-Lehrgang in Opoeteren-Louwel, Belgien, der von Fritz Nöpel Sensei und Eddy de Vos Sensei geleitet wurde.

Auf dem Lehrgang gab es eine große „Statue“ des Yuishinkan-Symbols auf einem Podest, andeutungsweise auf dem Bild zu erkennen. Und man erzählte sich das Gerücht, dass den Teilnehmern auf diesem „Survival-Lehrgang“ in einer der abendlichen Einheiten das Geheimnis um die wahre Bedeutung des Symbols enthüllt werden sollte. Die Spannung stieg. Am Samstagabend war es dann soweit. Wir saßen in unseren dreckigen und schweißgetränkten Gis unter freiem Himmel auf dem Rasen und lauschten gespannt Nöpel Senseis Worten. Wer ihn kennt, kennt auch sein sympathisches Schmunzeln um die Lippen, wenn er erzählt. An diesem Abend war es nicht anders, als er wie beiläufig erwähnte: „Das ist ein Drache.“ Nun war es raus. Ein Drache! Ist klar, was auch sonst. Ich habe es nie für ein Männchen gehalten. Die größtenteils fragenden Gesichter, einschließlich meinem, wurden dann mit den Erklärungen des Meisters erhellt und das Yuishinkan-Männchen verwandelte sich an dem Abend in einen schwarzen Drachen. Ein Drache, den alle stolz auf der Herzseite ihres Gis tragen dürfen.

Die Geschichte machte die Runde bei den Yuishinkan Karateka und spätestens auf dem folgenden Sommerlehrgang, waren alle eingeweiht. Das den Goju-Ryu Stil charakterisierende Tier, der Drache, ist somit auch immer bildlich in den Yuishinkan Dojos präsent.

Die Erklärungen von Nöpel Sensei brachten weiteres Licht ins Dunkel. Kisaki Sensei, wie zu vermuten war, beließ es nicht dabei, einen „einfachen“ Drachen für sein Yuishinkan zu kreieren, der mit dem menschlichen Körper verglichen werden kann. Das Symbol beinhaltet auch die fünf, dem Karate zugeordneten Tiere aus der chinesischen Lehre: der Drache, der Tiger, der Leopard, der Kranich und die Schlange. Alle Tiere lassen sich in den Kata wiederfinden. Oft ist eines mehr im Vordergrund und meist sind auch nicht alle Tiere in einer einzelnen Kata enthalten. In der Gesamtheit zeigen sich aber alle fünf Tiere und vereinen sich in dem Yuishinkan Symbol.

Jedem der Tiere lassen sich Techniken zuordnen, die mit den Armen, Händen, Beinen, Füßen und dem Köper als solches ausgeführt werden. Für mich persönlich, frei interpretiert ordne ich sie symbolisch wie folgt zu:

  • Der rechte Arm - der Tiger steht für unbändige Kraft, die gradlinig auch durch eine Deckung ins Ziel geführt wird (Tsuki)
  • Der linke Arm - die Schlange beherrscht punktgenaue Treffer (Nukite) und Grifftechniken, um den Gegner zu kontrollieren
  • Das linke Bein - der Kranich schlägt mit den Flügeln und dem Schnabel aus einem sicheren Stand (Neko und Sagi Ashi Dachi)
  • Das rechte Bein - der Leopard findet sein Ziel durch List und versteckte Techniken (Kin Geri)
  • Der Körper - der Drache hält alles zusammen. Eine Technik ist immer eine Ganzkörperbewegung mit dem Drachen im Zentrum. Der Kopf, der Verstand lenkt die Bewegungen und es gibt immer eine List, eine versteckte und unerwartete Technik, die der Drachenschwanz symbolisiert

Natürlich eine völlig freie Interpretation meinerseits und es gibt mit Sicherheit unzählige weitere Deutungen. Die allgemeine Erkenntnis gilt aber auch für das Yuishinkan-Symbol: Es reicht nicht, sich nur mit dem äußeren Bild zu beschäftigen und Dinge, Gesagtes einfach hinzunehmen. Man muss tiefer graben und immer neugierig sein, sich auch außerhalb des Dojos mit dem Karate und all seinen Facetten auseinandersetzen, um nicht auf seinem Weg nur nach vorn zu schauen und die wichtigen Lehren am Wegesrand zu verpassen.

Und wer weiß, vielleicht findet man irgendwann in sich selbst einen Drachen (jap. Ryu 竜)…